Freitag, 2. September 2011

Grenzgang

Gestern haben wir eine lange Autofahrt gemacht. Was für viele
ein ganz normaler Anblick ist und Jahrzehnte lang die Realität,
hat mir gestern eine eigene Grenzerfahrung beschert.

Ich war noch nie zuvor in Ostdeutschland, wir haben keine
Familie dort, meine Familie stammt aus Norddeutschland
und auch sonst hat sich das, selbst nach der Wiedervereinigung,
nie ergeben.


An einem früheren Grenzübergang machten wir Pause.
Ich musste schwer schlucken, als die ersten grossen
Suchscheinwerfer und Wachtürme in unser Blickfeld kamen.
Für mich war es ein sehr merkwürdiges Gefühl, diese
verbliebenen Zeitzeugen dort stehen zu sehen und
ganz ehrlich gesagt, hat der Ausspruch:

"Die Grenze ist weg, aber sie ist immer noch in den Köpfen"

gestern für mich eine ganz neue Bedeutung bekommen.
Ich habe fast den ganzen Tag gestern nicht vergessen können,
wo ich mich eigentlich befinde, weil ich diesen alten Grenzübergang
auch nach über 2 Jahrzehnten furchtbar einschüchternd fand.

Diese kurze Reise war nicht ohne Grund, es könnte
eventuell, vielleicht, möglicherweise... im kommenden
Jahr ein neuer Lebensabschnitt auf uns zukommen.

Die Fahrt in die nahe Kreisstadt unseres eigentlichen
Ziels, hat mich als Landei dann völlig überfordert.
Während mein Mann dann einen Termin wahrnahm, haben
das liebe Kind, der Hund und ich einen langen Spaziergang
durch die Pampa gemacht. Wir landeten in einem winzig
kleinen Dörfchen, wunderschön in die Natur eingebettet
und fielen als Fremde natürlich sofort auf.
Ich hatte eigentlich keine Lust auf diesen Spaziergang,
aber im Nachhinein war er das beste, was mir gestern passieren konnte.

Ja, ich glaube, wir könnten dort leben, auch wenn uns der
Abschied hier sehr schwer fallen würde.

Wir werden sehen...

Kommentare:

  1. Ich wünsche euch Kraft und Mut für einen neuen Weg - wenn es denn so kommt!
    Wir (und ich bin ja eigentlich auch ein Nordlicht) sind vor knapp 14 Jahren von West nach Ost gezogen und haben diesen Schritt noch nie bereut. Wir fühlen uns total wohl hier und die meisten im Städtchen haben sicher vergessen, daß wir nicht immer hier waren.
    Nach mehreren Umzügen quer durch Deutschland kann ich sagen, daß wohl jeder Landstrich seine Besonderheiten hat, aber wir haben uns überall einleben können.

    Über die "Grenze" waren wir häufiger und ich kann Deine Gefühle gut nachempfinden. Mich bedrückt es auch jedes Mal, weil ich daran denken muß, was dort damals alles passiert ist. Die Fragen der Kinder sind schwer zu beantworten, denn sie wollen immer wieder wissen, warum Menschen so etwas tun.

    Ganz liebe Grüße,
    Karen

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  2. Oh, ich wusste gar nicht, dass es noch solche Relikte gibt. An der bayerisch-sächsischen Grenze sieht man davon fast nichts mehr. An der A 72 war ja auch nie ein Grenzübergang, da die Autobahnbrücke in Pirk nicht befahrbar war.
    Verrätst Du, wo es hingehen soll?
    Ansonste ist der Anfang in den östlichen Bundeländern wahrscheinlich nicht anders als umgekehrt.

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  3. Dein Bericht hat dieses Gefühl gleich mit Gänsehaut bei mir wachgerüttelt. Ich war öfter "drüben" damals noch...schrecklich waren die Kontrollen, schrecklich war das wieder fahren müssen und einen Teil der Familie dort lassen zu müssen.
    Doch, da werdet Ihr bestimmt gut aufgenommen, ich bin mir sicher, dass Ihr Euch da ein neues Zuhause aufbauen könnt.
    Ihr drei zusammen schafft das schon. Soll ich schon mal Daumen drücken, dass es was wird mit der neuen Zukunft?
    Herzliche Grüsse
    Elisabeth

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  4. oh, wie spannend. und dein eintrag hat auch mich nochmal zum nachdenken gebracht. ich habe einige jahre in sachsen gewohnt, mein mann kommt aus der östlichsten stadt deutschlands und eine zeit lang bin ich alle 3-4 wochen über die ehemalige grenze gefahren, das gefühl der beklemmung blieb, wenn ich alte grenzanlagen sah...
    linnea

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  5. Hallo,
    ja, das Gefühl kenne ich, wenn man sich diese "Realität" heute ansieht. Ich stamme aus dem ehem. Osten und bin froh, dass ich das damals als Kind alles nicht so mitbekommen habe. Hatte das Glück recht "angstfrei" aufwachsen zu können. Aber ich bekomme auch immer wieder Gänsehaut, wenn ich Reportagen darüber sehe. Dann erinnere ich mich immer daran, wie diese besagte Nacht war, als unsere Eltern mit uns über die offenen Grenzen fuhren. Zum allerersten Mal in den Westen.... das war schon aufregend. Damals war ich 10 und hab das bis heute nicht vergessen. Ja, es ist schon immer ein komisches Gefühl, wenn man daran denkt. Allerdings macht es mir nichts aus wenn ich über einen ehemaligen Grenzbereich fahre...für mich ist das heute normal.

    Liebe Grüße
    Lisa

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  6. Wir waren in Sachsen, das auf den Bildern ist der alte Grenzübergang Helmstedt-Marienborn. Diese Relikte stehen dort noch, weil es eine Gedenkstätte ist. Ich hätte mir das gern genauer angesehen, dazu fehlte uns allerdings leider die Zeit, weil wir einen festen Termin wahrnehmen mussten.
    Das Ziel unserer Fahrt war ca. 30 km von Leipzig entfernt. Eine Hammerfahrt, wir waren alle völlig erledigt, als wir abends wieder Zuhause waren.

    Ich weiss nicht, ob ich mir wirklich vorstellen kann, wie es früher gewesen sein muss, diese Grenze zu passieren. Ich stelle es mir wirklich schlimm vor, besonders wenn man liebe Familienangehörige dort hatte.

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  7. Helmstedt-Marienborn war ja einer der größten Grenzübergänge. Dies Anlagen verursachen tatsächlich heute noch Gänsehaut.
    Solltet Ihr wirlich ins schöne Sachsenland kommen, wünsche ich einen guten Start.

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